Du hast es schon hundertmal gehört. AI verändert alles. Die Zukunft ist da. Bald wird nichts mehr so sein, wie es war.
Und wahrscheinlich hast du jedes Mal gedacht: Ja, irgendwann. Aber nicht heute. Nicht mich. Nicht so schnell.
Ich verstehe das. Wirklich. Genau so fühlt sich der Anfang jeder großen Veränderung an. Wie eine Übertreibung. Wie Hype. Wie etwas, das andere Leute betrifft.
Aber ich schreibe diesen Artikel nicht, um den Hype zu wiederholen. Ich schreibe ihn, weil sich in den letzten Monaten etwas verändert hat, das ich nicht mehr mit einem Achselzucken abtun kann. Nicht als jemand, der in der Tech-Branche arbeitet. Nicht als jemand, der AI täglich nutzt. Und schon gar nicht als jemand, dem die Menschen in seinem Umfeld wichtig sind.
Die Frage ist nicht mehr ob. Nicht einmal mehr wann. Die Antwort lautet: Jetzt. Genau jetzt.
Die Phase, in der alles übertrieben klingt
Es gibt ein Muster, das sich bei jeder tiefgreifenden Veränderung wiederholt. Eine Phase, in der die Mehrheit noch denkt: Das wird so groß nicht. Das betrifft mich nicht. Das ist ein Thema für Nerds, für Silicon Valley, für Leute, die zu viel im Internet unterwegs sind.
Das Internet selbst hat diese Phase durchlaufen. Smartphones auch. Cloud Computing. Und jedes Mal gab es ein kurzes Zeitfenster, in dem diejenigen, die früh verstanden haben, was passiert, einen Vorsprung aufgebaut haben, den andere nie wieder aufholen konnten.
Wir sind gerade wieder in dieser Phase. Das Gefühl, dass alles übertrieben klingt, ist nicht dumm. Es ist zutiefst menschlich.
Aber AI entwickelt sich exponentiell. Und exponentielles Wachstum ist schwer zu greifen, bis man es selbst erlebt. Vor sechs Monaten habe ich AI eine Aufgabe gegeben, an der sie gescheitert ist. Letzte Woche habe ich dieselbe Aufgabe nochmal versucht. Erledigt in Minuten. Nicht ein bisschen besser. Fundamental anders. Die Abstände zwischen den Durchbrüchen werden kürzer. Was früher Jahre gedauert hat, passiert jetzt in Monaten. Was Monate gedauert hat, in Wochen. Und das Tempo nimmt zu, nicht ab.
Was gerade passiert. In Zahlen, nicht in Versprechen.
Ich möchte bewusst sachlich bleiben. Keine Visionen, keine Buzzwords. Stattdessen Daten und Fakten, die jeder überprüfen kann.
Wie misst man so etwas überhaupt? Die Organisation METR macht genau das. Sie misst systematisch, wie lange die Aufgaben sind, die AI-Modelle eigenständig lösen können. Ganz ohne menschliche Hilfe. Gemessen an der Zeit, die ein menschlicher Experte für dieselbe Aufgabe braucht:
- Vor einem Jahr: ungefähr 10 Minuten
- Mitte 2025: rund eine Stunde
- Ende 2025 (Claude Opus 4.5): knapp fünf Stunden
- Diese Dauer verdoppelt sich alle vier bis sieben Monate. Tendenz: beschleunigend.
Die jüngsten Modelle, GPT-5.3 Codex und Claude Opus 4.6, beide veröffentlicht Anfang Februar 2026, sind in diesen Messungen noch gar nicht erfasst. Wer sie täglich nutzt, weiß: Der Sprung ist gewaltig.
Ein Satz aus der technischen Dokumentation von GPT-5.3 Codex hat mich besonders beschäftigt:
GPT-5.3-Codex is our first model that was instrumental in creating itself.
Die AI hat an ihrer eigenen Entstehung mitgewirkt. Das ist kein Science-Fiction-Plot. Das ist eine veröffentlichte, technische Tatsache. Und was mich daran am meisten beschäftigt: Wie beiläufig der Satz formuliert ist. Als wäre es normal.
Jede Generation hilft, die nächste zu bauen. Die nächste baut die übernächste schneller. Forscher nennen das eine Intelligenzexplosion. Und sie hat begonnen.
Das betrifft nicht nur die Tech-Branche
In der Softwareentwicklung spüren wir den Wandel seit Monaten. AI-Agenten schreiben Features, testen sie, öffnen Pull Requests. Komplett autonom. Aufgaben, die vor einem Jahr Tage dauerten, werden in Minuten erledigt. Das ist beeindruckend, aber es ist auch nur der Anfang. Die AI-Labore haben bewusst zuerst auf Code gesetzt. Nicht weil Softwareentwickler das Ziel waren, sondern weil besserer Code bessere AI baut. Es war eine strategische Entscheidung, die alles andere beschleunigt.
Was danach kommt, sehen wir jetzt.
Ein Anwalt erzählt, dass er einen komplexen Vertrag, für den er früher zwei Tage Recherche gebraucht hätte, jetzt in einer Stunde mit AI durcharbeitet. Mit Präzedenzfällen, Risikobewertung, konkreten Formulierungsvorschlägen. Ein Arzt nutzt AI, um Befunde auszuwerten und Fachliteratur in Minuten statt Stunden zu sichten. Finanzanalysten lassen Modelle bauen und Reports generieren, die vorher halbe Teams beschäftigt haben. Designer, Texter, Videoproduzenten arbeiten mit AI auf einem Niveau, das Profis nicht mehr zuverlässig von menschlicher Arbeit unterscheiden können.
Es geht nicht darum, dass Jobs verschwinden. Es geht darum, dass sich jeder Job verändert. Und dass diejenigen, die die neuen Werkzeuge verstehen, einen überproportionalen Vorteil haben werden. Nicht irgendwann. Jetzt.
„Aber ich habe AI ausprobiert und war nicht beeindruckt”
Ich höre diesen Satz ständig. Von klugen, kompetenten Menschen. Und ich verstehe ihn, denn er war mal berechtigt.
Wer ChatGPT 2023 oder Anfang 2024 getestet hat, hatte recht mit der Einschätzung: Das halluziniert, das erfindet Dinge, das ist nicht auf dem Niveau, das ich brauche. Diese Einschätzung basierte auf einer realen Erfahrung. Nur ist diese Erfahrung mittlerweile eine Ewigkeit her. In AI-Zeitrechnung sind zwei Jahre eine andere Epoche.
Die Modelle, die heute verfügbar sind, sind unkenntlich anders als das, was vor sechs Monaten existierte. Ich sage das nicht leichtfertig: Die Debatte darüber, ob AI „wirklich besser wird” oder „an eine Wand stößt”, ist vorbei. Wer das noch argumentiert, hat entweder die aktuellen Modelle nicht benutzt, hat ein Interesse daran, die Entwicklung herunterzuspielen, oder urteilt auf Basis einer Erfahrung, die nicht mehr relevant ist.
Ein Teil des Problems: Die meisten Menschen nutzen die kostenlose Version. Die ist über ein Jahr hinter dem Stand, den zahlende Nutzer haben. Wer darauf sein Urteil baut, hat nicht AI getestet. Er hat eine veraltete Version davon getestet.
AI bewegt sich schneller, als unser mentales Modell sich aktualisiert. Dein Instinkt, deine Einschätzung, dein „Gefühl” dafür, was AI kann und was nicht: mit hoher Wahrscheinlichkeit veraltet. Nicht in Details. Fundamental.
Das Fenster der Early Adopter
Es gibt ein Fenster. Es ist offen. Es wird nicht ewig offen bleiben.
Ich sehe das in meinem eigenen Umfeld. Kluge Menschen, die lesen, nicken, beobachten. Und trotzdem nicht anfangen. Sie denken: Irgendwann muss ich mich damit beschäftigen.
Das ist dein Fenster.
Die Person, die in ein Meeting geht und sagt: „Ich habe AI genutzt, um diese Analyse in einer Stunde statt in drei Tagen zu machen”, ist gerade die wertvollste Person im Raum. Nicht irgendwann. Jetzt. Weil der Großteil der Menschen es noch nicht tut.
Du brauchst kein Informatik-Studium. Du brauchst ein Gespür dafür, was AI heute kann. Und das bekommst du nur, indem du es ausprobierst. Nicht durch Artikel lesen. Nicht durch Podcasts hören. Durch eigene Erfahrung.
Wer heute anfängt, lernt nicht nur ein Werkzeug. Er lernt, wie man mit AI lernt. Und wenn in drei Monaten das nächste Modell kommt (und es wird kommen), ist er nicht wieder bei null. Er ist weiter vorne als alle, die noch warten.
Was du morgen anders machen kannst
Ich möchte dir keine Angst machen. Ich möchte dir Werkzeuge in die Hand geben. Konkret, umsetzbar, ab morgen.
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Nutze AI ernsthaft. Jeden Tag. Nicht als Spielerei. Nicht als bessere Google-Suche. Als Werkzeug für echte Aufgaben in deinem Beruf. Nimm die Aufgabe, die dir am meisten Zeit kostet, und gib sie AI. Schau, was passiert.
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Probiere das aktuelle Modell. Wenn dein letzter Versuch Monate her ist, hat sich die Welt seitdem gedreht. Die $20 pro Monat für Claude oder ChatGPT sind die beste Investition, die du gerade machen kannst.
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Experimentiere über dein Fachgebiet hinaus. Teste AI für Dinge, an die du sie nicht sofort knüpfen würdest. Gib ihr einen Vertrag und bitte um eine Analyse. Gib ihr eine Tabelle und bitte um ein Modell. Gib ihr eine Idee und bitte um einen Prototyp.
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Bau dir den Reflex auf: „Könnte AI mir hier helfen?” Bei jeder Aufgabe. Jeden Tag. Irgendwann wird es automatisch.
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Folge der Substanz, nicht dem Hype. Nicht jede Schlagzeile ist relevant. Aber die Entwicklung selbst ist es. Bleib dran, aber bleib kritisch.
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Teile, was du lernst. Die Menschen in deinem Umfeld, Kollegen, Freunde, Familie, verdienen es, zu verstehen, was sich verändert. Nicht im „Die Welt geht unter”-Ton. Eher im „Das solltest du dir anschauen”-Ton.
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Akzeptiere das Unbehagen. Die Geschwindigkeit dieser Veränderung fühlt sich unangenehm an. Das ist normal. Unbehagen ist kein Zeichen, dass etwas falsch läuft. Es ist ein Zeichen, dass du wächst.
Die andere Seite: Was möglich wird
Ich habe bisher vor allem über Dringlichkeit geschrieben. Aber es gibt eine andere Seite, und sie ist mindestens genauso real.
Wenn du jemals eine Idee hattest, eine App, ein Projekt, ein Buch, ein Unternehmen, aber dir fehlten die technischen Fähigkeiten oder das Geld, jemanden zu bezahlen: Diese Barriere existiert heute kaum noch. Du kannst AI beschreiben, was du bauen willst, und hast innerhalb von Stunden einen funktionierenden Prototyp. Ich sage das nicht theoretisch. Ich mache das regelmäßig.
Wolltest du immer etwas Neues lernen? Der beste Tutor der Welt kostet $20 im Monat. Unendlich geduldig, rund um die Uhr verfügbar, anpassbar an dein Niveau und dein Tempo. Wissen ist im Grunde kostenlos geworden.
Eine einzelne Person mit der richtigen Idee und den richtigen Werkzeugen kann heute bauen, wofür vor drei Jahren ein ganzes Team nötig war. Ein kleines Team kann mit Dingen konkurrieren, die früher nur großen Organisationen möglich waren.
Das ist kein Techno-Optimismus. Das passiert bereits.
Stell dir vor, was möglich wird, wenn die Barriere zwischen Idee und Umsetzung fast vollständig verschwindet. Wenn nicht mehr deine technischen Fähigkeiten der limitierende Faktor sind, sondern deine Neugier, dein Mut und deine Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen.
Die Dinge, die du aufgeschoben hast, weil sie zu schwer, zu teuer oder zu weit außerhalb deiner Expertise lagen? Probier sie aus. Jetzt.
2026 wartet nicht
Du hast es schon hundertmal gehört. Aber diesmal sind die Daten real. Die Werkzeuge sind da. Das Fenster ist offen.
Technologie allein verändert nichts. Menschen, die Technologie nutzen, verändern alles. Und genau das ist der Punkt: Es liegt an dir. Nicht an den AI-Laboren in San Francisco. Nicht an den Konzernen. Nicht an der Politik. An dir.
2026 wird nicht das Jahr sein, in dem AI die Welt verändert hat. 2026 wird das Jahr sein, in dem du entschieden hast, ob du mitgestaltest oder zuschaust.
Sei neugierig. Sei mutig. Handle.
ES IST ZEIT.
Dieser Artikel wurde unter anderem inspiriert durch einen Beitrag von Matt Shumer auf X, der die aktuelle Dynamik der AI-Entwicklung eindringlich und persönlich auf den Punkt bringt.